Schiebeschalter für Verschiebebahnhöfe

SchiebeschalterVor kurzem war die Welt noch richtig. Auf einen Blick konnte der Laie die Profiklasse der digitalen Diktiergeräte erkennen. Ein DPM 9600 oder ein DS-5000 hatte einen Schiebeschalter. Ein Gerät für das Sonntagsdiktat nicht.

Nun ist die Welt anders geworden. Mit dem DPM 9380 hat Philips die Königsklasse der Diktiergeräte geerdet. Olympus hat nachgezogen: Das DS-2800 kostet, sehen wir den Listenpreis, glatt 240 EUR weniger als das Spitzenmodell. Und hat einen Schiebeschalter!

Vor Jahren war uns ein simpler Fußschalter zur Diktatsteuerung schon einmal einen ganzen Artikel wert. 3-tastig. Schwarz. Mit einem Kabelanschluß zum PC und rutschfester Gummimatte am Bodenblech. Das gab tatsächlich etwas her.

Mit dem Schiebeschalter ist es nicht anders: Gleitet er unmerklich? Macht er Geräusche, wenn er eine bestimmte Funktionsposition erreicht? Ist er zu lang, zu kurz oder genau richtig für den deutschen Normaldaumen? Schiebt man ihn nach oben, um eine Aufnahme zu beginnen, oder schiebt man ihn nach oben und drückt zusätzlich einen Knopf? Oder drückt man zuerst den Knopf und schiebt dann? Eine Geschichte, in die man sich vertiefen kann, die aber immer wieder zurück kommt auf den Ausgangspunkt: Hat das Gerät einen? Oder hat es nicht?

Wenn uns nicht alles täuscht, hat uns Grundig diese unendliche Geschichte beschert. Mit den Verkaufszahlen, die der um die Jahrtausendwende selig entschlafene Konzern im analogen Diktiergerätegeschäft einst erreichte, etablierte er den Schiebeschalter als MUSS in der Spezies der Verwender. Eine Bewegung des Daumens wurde erlernt. Ein Gefühl eingeschliffen — wie das ist, wenn man diktiert, wie das sein MUSS, wenn man gut diktieren will. Und dafür auch teuer bezahlt.

Die beiden o.g. Geräte bringen eine neue Wendung in die Geschichte. Der Schiebeschalter, dessen Status angesichts der Reaktionsgeschwindigkeit digitaler Drucktastengeräte und des Anpassungsvermögens hochentwickelter Lebewesen durchaus diskussionswürdig wäre, verkommt zum Kaufsignal. Das DPM 9380 kann ebenso wenig wie das DS-2800 die Ansprüche professioneller Autoren erfüllen. Denn — entgegen allem Augenschein — taugt der Schiebeschalter als Professionalitätskriterium eben nicht.

Beim kritischen Blick auf die beiden konkurrierenden Produkte fällt zunächst auf, dass die Gebinde in Bezug auf die Software ihren professionellen Alternativen nicht stand halten. Das Olympus DS-2800 schneidet im Herstellervergleich der beigefügten Software etwas besser ab, weil die SpeechExec Standard-Software von Philips funktional auf das absolute Minimum von Download, Dateiliste und (großem) Wiedergabefenster beschränkt ist. Der Olympus DSS Player kann ein wenig mehr in Bezug auf Netzwerkverzeichnisse, und er kann erweitert werden auf den DSS Player Plus, der Dateimanipulationen zuläßt. Aber er bleibt die reduzierte Variante des DSS Player Pro, welcher deutlich mehr im Hinblick auf die Anpassung unterschiedlicher Arbeitsplätze, Automatisierung, „Dokumentenverwaltung“ bietet und optional als Multiuser Lizenz für eine praktisch unbegrenzte Anzahl von Arbeitsplätzen zur Verfügung steht. Läßt man sich die Untrennbarkeit von digitalem Diktiergerät und Software einmal auf der Zunge zergehen, ist funktional eingedampfte Software ein Qualitätsabstrich. Im Falle der genannten Geräte widerlegt sie etwas, was der Schiebeschalter zunächst signalisiert.

Auch die Produktmerkmale der Hardware bzw. die Lieferumfänge bestätigen uns. An dieser Stelle schneidet nun Philips besser ab: Das DPM 9380 kann mittels Nachkauf bis zur Funktionalität des DPM 9600 aufgerüstet werden. Die fehlenden Akkus und die beim DPM 9380 eingesparte Dockingstation hält der Fachhandel ebenso wie die SpeechExec Pro Software vorrätig. Aber: Wer will das, nachdem er bereits für das 9380 in die Tasche gegriffen hat, bezahlen? Ein (zu) teurer Spaß.

Das DS-2800 von Olympus läßt sich nachträglich kaum mehr aufwerten. Die DSS Player Pro Software kann man zwar separat erwerben, wenn Bedarf daran entsteht. Und auch die Dockingstation oder die Akkus, die zum DS-5000 gehören. Nur: Die Steuerung des Diktiergeräts über die Dockingstation, die ein Alleinstellungsmerkmal von Olympus ist, funktioniert mit dem DS-2800 nicht. Die nachgekauften Akkus lassen sich nicht im Gerät laden. Und die Micro SD-Karte, die man am DS-5000 als eiserne Speicherreserve schätzt, bekommt man in das neueste Produkt des erfolgreichen Herstellers nicht hineingesteckt. Nein, zum DS-5000 verbiegt man ein DS-2800 nicht.

Was bleibt, ist der Schiebeschalter. „Anwalts Liebling“, wenn man ein wenig spitzzüngig ist. Den von Olympus finden wir — verliebt in feingängige Mechanik — immer noch einen Tick besser als den aus dem Hause Philips. Aber er bringt dem Vieldiktierer nicht, was er erwartet. Dieses Glanzstück der beiden Packages … rollengelagert … deutschland-daumen-kompatibel … dieses verflixte Ding.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.